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ANTICHRIST

 ANTICHRIST

Kinovorschau - Filmkritik für ANTICHRIST
Geschrieben von am 25.05.2009
Gelesen: 32401 · heute: 13 · zuletzt: 3. February 2012
Redaktionswertung: Post Rating 3 von 5 Sternen ANTICHRIST

Lars von Trier: ANTICHRIST! Um den Unfalltod ihres Sohnes zu verarbeiten, zieht sich ein Ehepaar in eine einsame Waldhütte zurück. Dort will Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe wieder zueinander finden. Doch die schwere Depression, für die seine Frau Tabletten verschrieben wurden, erweist sich als harter Brocken.

Regie: Lars von Trier - Drehbuch: Anders Thomas Jensen, Lars von Trier
Produzent: Meta Louise Foldager
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe
Genre: Drama / Horror
Filmproduktion: Dänemark / Deutschland, 2009
Kinostart:
Musik: Tuva Semmingsen, G.F. Händel, Kristian Eidnes
FSK: 16 - Laufzeit: 108 Min.
Trailer: ANTICHRIST
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Rating: 5.0/10 (3 votes cast)

Das thematisch Blutrünstigste und dramaturgisch Schockierendste, was Cannes und das Kino je zu bieten hatte!

Das Filmfestival an Frankreichs Côte d’Azur ist immer für Skandale und eine Polarisierung gut. Im Jahr 2009 sorgte speziell der Film ANTICHRIST, des dänischen Regisseur Lars von Trier (u.a. DOGVILLE, MELANCHOLIA), sowohl für Aufruhr und Ablehnung als auch für Lob und Respekt. Aber nicht nur an diesem Beitrag teilen sich die Meinungen und Ansichten, auch andere, namenhafte Regisseure hinterließen 2009 in Cannes einen eher zwiespältigen, filmischen Eindruck. Da laufen Bilder in einer Choreografie des Grauens über die Kinoleinwand,  bei dem sich der geneigte Zuschauer fragt: “Was will uns der Künstler damit zeigen?”

Unter anderen der Film DURST, der Wettbewerbsbeitrag des koreanischen Regisseurs Chan-Wook Park. Es ist die übergeschnappte Mischung aus Vampir-und Seuchenfilm in Kombination mit einem Liebesdrama. Die Handlung ist so simpel wie platt:

Ein Priester wird infiziert, mutiert zum Vampir und hat -endlich- auch Sex. Dass darin viele Menschen sterben müssen, erklärt sich dramaturgisch von selbst! Aber dabei geht es richtig zur Sache: Korkenzieher werden in Herzen gedreht, Wirbel zerbrochen, literweise Blut verspritzt, Glieder zerquetscht und das ganze Szenario ist untermalt von einem dazu passenden 1A-7 Kanal-Digitalton…!

Also Horror vom “Feinsten”? Extreme und geballte Gewalt und eine Zumutung im bestimmt nicht “besten Sinne” – in jedem Fall! Und “Tut das wirklich not?” würde die Comic-Figur “Werner” aus dem gleichnamigen Zeichentrickfilm sagen. Ebenfalls nix für schwache Nerven ist in diesem Zusammenhang Quentin Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS, der auch in Cannes 2009 Premiere hatte und den ich hier im Kino-und Filmblog bereits in einer gesonderten Filmkritik vorgestellt habe.

ANTICHRIST

Ebenfalls gut platziert in der Filmreihe des Schreckens, ist deshalb Lars von Trier’s ANTICHRIST (nicht zu verwechseln mit Friedrich Nietzsches “DER ANTICHRIST”): Dem dänischen Filmemacher gelingt es wie Chan-Wook Park, Quentin Tarantino oder Jacques Audiard in seinem Gefängnis-Drama DER PROPHET, dass Publikum und die Kritiker gleichermaßen entsetzt in den Kinosesseln zurück zu lassen.

ANTICHRIST – der Film

Das zwei Personen Stück teilt sich in 3 Kapitel: Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Zu Beginn sieht man Willem Dafoe (u.a. EIN LEBEN FÜR EIN LEBEN, DER ENGLISCHE PATIENT) und Charlotte Gainsbourg (u.a. 21 GRAMM, LES MISÈRABLES) in einer halbpornographischen Liebesszene, während eine traurige Frauenstimme Händels “Rinaldo” interpretiert. Zeitgleich zum Orgasmus stürzt ihr kleiner Sohn aus dem Fenster. Der Aufschlag des kleinen Körpers gleicht auf der Leinwand einer Explosion aus Schnee und Blut…

Was folgt ist Trauer und Verarbeitung. Um die Depression der Mutter zu überwinden, zieht das Paar nach diesem traumatischen Schicksalsschlag in eine abgelegene Waldhütte. Während ihr Mann, von Beruf Therapeut, versucht die Panikattacken und die Zusammenbrüche seiner Frau mit Rollenspielen zu überwinden, (ent)gleiten Beide jedoch immer mehr in eine Wahnwelt, die letztendlich ihr Leben bzw. den ganzen Film bestimmt.

Im weiteren Verlauf der Handlung entwickelt sich Charlotte Gainsbourg, die diese Rolle aus Verlorenheit und urwüchsiger Aggression hervorragend spielt, dann zum halbnackten, mörderischen Hexenwesen. Am Ende des Kinoalbtraums zertrümmert sie das Geschlechtsteil ihres Mannes…mit einem Holzscheid…!

Wer jedoch glaubt, es gäbe bei Lars von Trier keine paranoide Steigerung – der irrt! Er setzt mit seinen Bildern, die buchstäblich die ganze Leinwand ausfüllen und den Zuschauer verstören, dem Wahnsinn noch nach: Gainsbourg schneidet sich mit einer Schere die Klitoris ab…! (Anmerkung der Redaktion: “Mein Gott, wie krank muß man(n) im Kopf sein…um soetwas auf die Leinwand zu bringen!”) Das ANTICHRIST das Produkt einer tiefen Depression von Trier sein soll – glaube ich unbedingt!!

ANTICHRIST – die Filmkritik

Das schnell gelangweilte, ungeduldige Publikum in Cannes zu schocken und sprachlos zu machen, das schaffen nur Wenige. Lars von Trier ist dieses “Kunststück” gelungen. Das Drama/Horror-Werk ANTICHRIST soll das Ende eines Paares, das Ende des Geschlechterkampfes zeigen. Aus meiner Sicht stellt er vor allem das Ende der Menschlichkeit und die absolute Grenze der cineastischen Zumutbarkeit dar. ANTICHRIST ist die wahre Apokalypse – im Besonderen für den Kinobesucher! Mel Gibsons DIE PASSION CHRISTI oder reine Horrrorfilme, wie SAW sind bild-und tontechnisch dagegen eher als “harmlos” einzustufen.

“Der Film diente mir als Therapie” – gesteht der Meister des Streifens. “Es ist ein Horrorfilm, und es gibt tonnenweise Blut, aber ich hoffe, dass der Horror auch noch auf einer tieferen Ebene sichtbar wird. Ich musste herausfinden, ob ich überhaupt noch Filme machen kann, ob ich es schaffen würde die große Depression, die fast unkontrollierbaren Zwangsvorstellungen, die mich in den letzten zwei Jahren plagten, noch einmal zu besiegen”, antwortete Lars von Trier bereitwillig auf die Frage nach der Entstehung des Films. Nun muss das Publikum versuchen, dieses deftige Stück zu verarbeiten. Denn wie der Macher bereits selbst konstatierte: “Wenn ich Koch wäre, wäre das ein Schweinebraten.”

Na dann, “Mahlzeit” Herr von Trier! Oder sollte dieser kranke Geist nicht doch lieber zurück auf die Couch seines Therapeuten! Denn was ANTICHRIST meiner Meinung nach total fehlt: Ist der gesunde, notwenige aber nicht vorhandene Abstand des Regisseurs zum Geschehen. Der künstlerische Anspruch und nicht zu Letzt, der moralische Filter für diese vordergründige Bestialität. Das angesehene US-Magazin “Variety” schreibt zum Film:”… es sei ein tolles “Date Movie” für Sado-Maso-Paare!”

Also dann doch lieber nur ein bisschen Til Schweiger’s PHANTOMSCHMERZ und leckeren Schweinebraten – well done ;)

DVD & BLU-RAY Disc zum Film

Die DVD zum Film ANTICHRIST: ab 11. Januar 2010 im Handel.


Studio / Verleih / Bild-und Textnachweis: MFA (24 Bilder), Zentropa Entertainments

ANTICHRIST, 5.0 out of 10 based on 3 ratings

ANTICHRIST Trailer

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