
Die Schweizer Komödie GUILIAS VERSCHWINDEN wurde von Regisseur Christoph Schaub nach einem Drehbuch von Martin Suter inszeniert. Corinna Harfouch und Bruna Ganz sind die beiden Hauptakteure in einem großartigen Film über zu meisternde Lebenskrisen, insbesondere die, des 50. Geburtstags.
Der Schweizer Martin Suter ist ein vielbeschäftigter Autor. Nach der gleichnamigen Verfilmung seines Romans LILA LILA durch den Regisseur Alain Gsponer und mit Daniel Brühl, Hannah Herzsprung sowie Henry Hübchen in den Hauptrollen, hat er diesmal bzw. für GIULIAS VERSCHWINDEN das Drehbuch geschrieben. Regie führte der in Zürich geborene Christoph Schaub, der einst zu Gunsten der Filmwelt sein Germanistikstudium an den Nagel hing.
Ursprünglich war das Drehbuch gemeinsam mit dem 2006 verstorbenen Schweizer Film- und Opernregisseur Daniel Schmid (u.a. HEUTE NACHT ODER NIE) angedacht. Schmid, der zu Beginn der 70er mit Rosa von Praunheim, Rainer Werner Fassbinder und Werner Schroeter zusammengearbeitet hat, war mit Suter gut befreundet. Beide hatten schon mehrfach und zusammen Projekte auf den Weg gebracht. So auch Daniel Schmid’s wohl populärster Film BERESINA: Eine fiktive Satire über den Umsturzversuch in einer totalitär regierten Schweiz.
Auf verschiedenen Festivals, u.a. auf dem “Film Festival Locarno”, erhielt das Melodram GIULIAS VERSCHWINDEN bereits zahlreiche Auszeichnungen (Publikumspreis, Audience Award, etc.). In der Schweiz produziert und mit über 150.000 Premierebesuchern, ist GIULIAS VERSCHWINDEN in seinem Heimatland zudem der erfolgreichste Film von 2010. Pressestimmen: “In diesem Film macht jede Minute Spass.” (www.outnow.ch); “Federleicht, detailfein und glänzend gespielt. Wohltuend zum Lachen! (nzz am sonntag); Beschwingter Kinogenuss, dank glänzend aufgelegtem Ensemble und funkelnden Dialogen. (berner zeitung) u.s.w., u.s.w.
GIULIAS VERSCHWINDEN ist eine dialoglastige Komödie mit “dramatischen” Zügen. Und hierin werden gleich mehrere und zeitgleiche Erzählstränge zum Thema: “Das Alter und die daraus reflektierenden Auswirkungen auf die Menschen” miteinander verwoben. Als eine Art Kontrastprogramm kommen zudem die Schwierigkeiten, welche die jüngere Generation mit den von uns “Alten” an sie gestellten Anforderungen hat, gleich mit auf die Film-Tagesordnung.
Als Giulia (Corinna Harfouch, u.a. IS THIS LOVE) anlässlich ihres fünfzigsten Geburtstages auf dem Weg zu einer Feier mit ihren Freunden ist, erklärt ihr eine alte Frau, die sich im Bus neben Giulia setzen möchte und von dieser im Gedränge fast übersehen wird, dass dieser Umstand nicht schlimm sei. Der fortschreitende Alterungsprozess macht ihrer Ansicht nach, dass Individum für andere Menschen faktisch unsichtbar. Noch ganz in Gedanken über diese Aussage und in die Beobachtung von zwei jungen Mädchen versunken, erkennt Giulia plötzlich ihr eigenes Spiegelbild in den Busscheiben nicht mehr und stürmt in einer Panikattake verwirrt ins winterliche Zürich – direkt in das nächste Optikergeschäft…
Dort trifft sie auf den erfolgreichen Hamburger Finanzmakler John (Bruno Ganz, u.a. DER UNTERGANG, UNKNOWN IDENTITY) der sofort heftig mit ihr zu flirten beginnt. Daraufhin ändert Giulia ihre Pläne für den Abend. Während zur selben Zeit die wartenden Geburtstagsgäste in einem italienischen Restaurant über die Themen Liebe, Alter und den Sinn des Lebens philosophieren, sitzt Giulia mit dem durchgestylten sowie mit weggeschminkten Zeichen des Alterns versehenen John an einer gemütlichen Bar und lässt sich, charmant sowie humorvoll in ein sinnliches Gespräch über die verschiedenen Varianten dem Älterwerden ein Schnippchen zu schlagen, verwickeln. Und fast nebenbei bemerkt Giulia, dass es für die Liebe -eigentlich- nie zu spät ist. Unvermittelt fällt der erste Kuss und während ihre Freunde warten, wird aus Fremden ein Paar.
Einen dramaturgischen Schnitt weiter ist die ältere Dame aus dem Bus in einem Altersheim gleichfalls zu einem Geburtstag eingeladen und die beiden junge Mädchen, die Giulia am Anfang des Film beobachtet hat wie jene über Jungs schwatzen und feststellten, dass “30″ im Zusammenhang mit Alter für sie eine unvorstellbare Zahl ist, werden beim Ladendiebstahl erwischt…
Bekanntlich bieten runde Geburtstage -und erst recht im fortgeschrittenen Alter- gerne Gelegenheit und Anlass, über das Vergangene bzw. das was die Zukunft bringen mag zu debattieren oder gar zu lamentieren. Was lag also näher als ein Werk oder besser gleich einen Film mit Komödiencharakter über diese Thematik zu machen. Regisseur Andreas Dresen hat es mit dem Drama WOLKE 9 ernsthaft begonnen, Leander Haußmann führte es in DINOSAURIER – GEGEN UNS SEHT IHR ALT AUS slapstick-artig fort und Christoph Schaub (u.a. STILLE LIEBE) findet mit der Tragikkomödie GIULIAS VERSCHWINDEN dafür ein gesundes Mittelmaß.Voilà!
Was letztendlich aus dieser inhaltlich irgendwie auch ein bisschen müßigen Debatte im Film geworden ist, könnte deshalb als eine gemütliche bzw. bittersüße Persiflage bezeichnet werden. So kann das Tempo der Inszenierung mit den schnellen und exakt pointierten Dialogen nicht mithalten und auch die verschiedenen Handlungsstränge werden mal mehr oder weniger gekonnt ineinander verwoben. Getragen wird der Film hauptsächlich von den Darstellern. Allen voran ist natürlich Corinna Harfouch und Bruno Ganz zu erwähnen. Den letzteren Protagonisten schätze ich persönlich ohnehin und so hatte “John” bei mir eine Art “Heimspiel”! ;))
Fazit: Für mich ist GIULIAS VERSCHWINDEN insgesamt und nicht nur wegen Bruno Ganz eine geistreiche bzw. unterhaltsame Komödie, die trotz kleinerer Schwächen und strapazierter Klischees, überaus warmherzig die Sehnsucht nach ewiger Jugend ausdrückt. Meine Empfehlung!
Die zum Film GIULIAS VERSCHWINDEN: ab 01. Juni 2010 im Handel.