Der französische Regisseur Bertrand Bonello (u.a. DER PORNOGRAPH) stellte 2011 in Cannes sein bisher größtes Filmprojekt, das Erotik-Drama HAUS DER SÜNDE (Originaltitel: L´APOLLONIDE – Souvenirs de la maison close / HOUSE OF TOLERANCE), der Fachjury und dem Premierenpublikum vor. Fast zwei Jahre später, am 29. November 2012, startet der Film jetzt auch in den deutschen [...]
Der französische Regisseur Bertrand Bonello (u.a. DER PORNOGRAPH) stellte 2011 in Cannes sein bisher größtes Filmprojekt, das Erotik-Drama HAUS DER SÜNDE (Originaltitel: L´APOLLONIDE – Souvenirs de la maison close / HOUSE OF TOLERANCE), der Fachjury und dem Premierenpublikum vor. Fast zwei Jahre später, am 29. November 2012, startet der Film jetzt auch in den deutschen Programmkinos.
Bereits mit dem intellektuell angehauchten Erotikwerk DER PORNOGRAPH, welches das Leben des gealterten Porno-Regisseurs Jacques Laurent hinterfragt und eine Diskussion über Werte und Wertewandel zwischen zwei Generationen entfachte, widmete sich Bonello mit viel Wehmut und nackter Haut dieser Thematik und brachte 2001 einen wirklich großartigen Film über die Würde und die Wege sie zu erlangen in die Kinos.
Sein neuer Film, das Drama HAUS DER SÜNDE, ist ein weiteres, opulentes Meisterwerk. Es handelt von einem Freudenhaus in Paris um 1899 – also ungefähr vier Jahre nach der Erfindung des Kinematographen. Und spannt man diesen Faden weiter, dann sind das Bordell und der Kinosaal bis in die Neuzeit durchaus zwei Orte geblieben, an denen nicht nur Mann ;) von der Welt durchaus und sehr entrückt sein – kann…!
Straßenstrich und Billighotels. Das Geschäft mit dem Sex heute ist mehr nüchtern als wirklich erotisch und lässt fast keine Illusion von Liebe mehr zu. Ganz anders sieht der Blick Bertrand Bonellos zurück in die Geschichte um das älteste Gewerbe der Welt aus.
Der Regisseur beleuchtet das Ende der berühmten “Maisons closes”: Die so genannten Etablissements waren französische Bordelle, die von einer “Madame” geführt wurden und die “ihre” Mädchen den zahlenden Kunden erst “schmackhaft” machte, bevor es dann “zur Sache” ging. Nun – und zumindest in jener Zeit schien demzufolge in Sachen “Liebesdienste” nichts ruck zuck zu gehen bzw. räkelten sich die Damen noch ohne “Stundenstress” verführerisch mit und ohne Korsett in der Lounge und zeigten dabei viel Haut und Esprit. So gehörte eine leichte Konversation vor dem “Liebesakt” ebenso dazu, wie der meist respektvolle Umgang danach.
Aber auch wenn die Liebesdamen mit viel Fantasie ans Tageswerk gingen und dabei durchaus auch Assoziationen an Modelle von Monet, Manet und Courbet weckten, verließen sie in der Regel nie ihre Arbeitsstätte -schafften schon damals mehr gezwungen als freiwillig an- und ein entspanntes, gemeinsames “Familien”-Picknick am Fluss -wie im Film beschrieben- war eher die Ausnahme.
Ende des 19. Jahrhunderts: Das “L’Apollonide”, ein so genanntes “Haus der Toleranz” oder in die Neuzeit übersetzt ein: ein Freudenhaus / Bordell / Puff erlebt in Paris seine letzten Tage. In der stimmungsvollen wie zugleich unwirklichen Gastlichkeit leben die Freier ihre Phantasien bei den Prostituierten aus oder verlieben sich auch mal Hals über Kopf in eines der jungen Mädchen.
Eine davon ist die unglückliche Madeleine (Alice Barnole). Sie wurde von einem Mann entstellt. Durch die zurückgebliebene Narbe trägt ihr Gesicht ein beständig trügerisches Lächeln – doch niemand weiß davon. Denn die Mädchen im “L’Apollonide” teilen zwar ihr Bett, aber nicht all ihre Schmerzen, Ängste, Geheimnisse und Freuden mit jenen Männer, die sie begehren oder den anderen, die nur bösartig sind…