SHANGHAI FICTION, eine Dokumentation von Julia Albrecht und Busso vom Müller. Die Beiden hatten sich im Vorfeld für ihren Film keine Drehgenehmigung besorgt. Eine Drehgenehmigung hätte bedeutet, dass ständig ein Aufpasser an ihrer Seite und somit eine objektive Dokumentation nicht realisierbar gewesen wäre. Shanghai ist aber so unüberschaubar, dass der Dreh nicht aufgefallen ist und dadurch zum gewünschten Ergebnis führte.
Fiktion als Illusion? Ein ungewöhnliche Dokumentation über das China zum Beginn des 3. Jahrtausends.
Das gigantische Häusermeer Shanghai’s mit himmelstürmenden Bauten. Im Gegensatz dazu: Eine maoistische Landidylle am mächtigen Fluss “Huangpu”. Das sind Bilder, die -für sich betrachtet- fast unwirklich erscheinen und dabei doch nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Also ein Science-Fiction-Vision? Aber nein! Ein Film der im Hier und Jetzt spielt – in einem Moloch von Glitzerwelt-Stadt, die an verdreckten Gewässer steht und umrahmt ist von elenden Wellblechbaracken. Eine eher schwerverdauliche Dokumentarkost, die anspruchsvoll vor Augen führt, wie lächerlich es im Grunde ist, hierzulande über grüne, gelbe und rote Feinstaubplaketten zu diskutieren.
Ja, die gesamte Menschheit steht am Umwelt-Abgrund, jedoch wir trennen nach wie vor und brav Braun- von Grünglas…! Welch`ein Irrsinn! Wer das nicht verinnerlicht hat, kann getrost seine letzten Zweifel gleich mit auf den Müllbergen der chinesische Metropole Shanghai end(t)-sorgen bzw. sollte sich unbedingt die Dokumentation SHANGHAI FICTION der 1967 in Hamburg geborenen Regisseurin Julia Albrecht anschauen. Der Film lief auf dem DOK Leipzig Filmfestival 2009 und Julia Albrecht sowie ihr Mitstreiter Busso von Müller erhielten für ihren Beitrag den Dokumentarfilmpreis des “Goethe Instituts”.
Deutsche Architekten im Dienste der neuen Weltherren treffen auf Rat- und Perspektivlosigkeit beim “kleinen Mann”. Umwelt-und Tierschutz kontra Millionenaufträge für die Wirtschaft. Korrupte Staatsbedienstete auf der Überholspur: Alles ohne Rücksicht auf Menschen-und Umweltverluste. Anbei desillusionierte Kulturrevolutionäre in der intellektuellen Krise und mit der abschließenden Erkenntnis, dass das Leben keinen Sinn, wohl aber ein Ende hat.
Johannes, der im Auftrag des Frankfurter Architekturbüros “Albert Speer” (!) einen neuen Großflughafen projektieren soll und Yuan, der ständig unter dem Existenzminimum “lebt”: Sie sind die beiden und gleichzeitig gegensätzlichsten Hauptprotagonisten des Films und die Kamera vermittelt einen ausführlichen und sehr intensiven Einblick in deren Kosmos. Und beide Protagonisten haben einen Traum: Doch während des filmischen Gewaltmarsches durch die chinesische Gegenwart wird aus diesem Wunsch mehr und mehr ein Albtraum…!
SHANGHAI FICTION: Eine verstörend wirkende, aber herausragende Marathon-DOKU! Konzeptionell, radikal, aufregend und bildsprachlich im besten Sinne! Mit der Dokumentation SHANGHAI FICTION gelingt es der Regisseurin Julia Albrecht die Geschichte des Wanderarbeiters Yuan, des Hochschulprofessors Liu, des Architekten Johannes (der bei seinem Arbeitgeber in Frankfurt/M. aus gewöhnungsdürftigen Geschichtsbewusstsein gern mal die Hacken zusammenknallt) sowie einer chinesischen Maklerin so miteinander zu verbinden, dass universelle und teilweise erschreckende Wahrheiten sichtbar werden.
Da ist der schmächtige Yuan, der bald Vater wird und während seiner selbstständigen und unterbezahlten Arbeit als Schweißer den Traum aller Armen -einen großen Schatz auf der Straße zu finden- träumt. Der Hochschulprofessor, welcher hilflos auf den Scherbenhaufen seiner einstigen politischen Ideale blickt und der Architekt, gefangen von der Macht des Geldes und stets Wanderer zwischen den Welten sowie die Geschäftsfrau, die während der fünf gleichzeitig geführten Telefonate von Weinkrämpfen geschüttelt wird, sie alle zeigen uns, was keiner hier so recht zugeben will: “Wirklich arm ist nur – wer niemals geträumt hat!”
Jedoch für alles andere -sind wir mal ganz ehrlich- wird gern der Staat in die Pflicht genommen! Ja, von diesem brutalen Überlebenskampf, nicht nur im asiatischen Teil der Welt, sind wir in Deutschland -selbst bildlich gesehen- (noch!!) tausende Kilometer entfernt…
Kinonews: Shanghai Fiction auf dem DOK Leipzig Filmfestival 2009…
Worauf spielt das englische Wort “fiction” im Titel dieses ungewöhnlichen Dokumentarfilms SHANGHAI FICTION über das China zu Beginn des 3. Jahrtausends an? Auf Zukünftiges im Sinne der Science-Fiction? Auf Fiktion im Sinne der Erfindung? Oder auf …