Leipzig (dpa/sn) – Leipzig wird in den kommenden Wochen Drehort für einen Kinofilm, der im Zweiten Weltkrieg im damals polnischen Lvov (Lemberg) spielt. In dem historischen Drama HIDDEN geht es um den Überlebenskampf jüdischer Flüchtlinge.
Nach dem bereits 2008 die Komödie LILA LILA des Schweizer Regisseurs Alain Gsponer zu Großteilen in Leipzig gedreht wurde, kam 2010 erneut ein Filmemacher für eine Kinoproduktion in meine Heimatstadt: Die polnische, Oskar-nominierte Regisseurin Agnieszka Holland drehte, nach fünfjähriger Vorbereitungszeit und vielen Drehbuchfassungen, das authentische Weltkriegsdrama IN DARKNESS – EINE WAHRE GESCHICHTE (Arbeitstitel HIDDEN).
Agnieszka Holland studierte Filmregie in Prag. Ihre Karriere begann sie als Regieassistentin von Krzysztof Zanussi und Andrzej Wajda. Den ersten internationalen Erfolg verbuchte Agnieszka Holland mit der deutschen Produktion BITTERE ERNTE, in der Armin Mueller-Stahl in der Hauptrolle zu sehen ist. 1993 produzierte Regisseur Francis Ford Coppola ihren Film DER GEHEIME GARTEN – damit gelang Holland der Sprung über den Großen Teich bzw. in die Hollywoodfilmindustrie.
Mit dem Film IN DARKNESS entstand ein über weite Strecken packendes, beklemmend und sehr realistisch wirkendes Drama über den Schrecken der Judenverfolgung und die Kraft des Widerstands gegen den Rassenhass. Die Geschichte basiert auf dem Buch “In the Sewers of Lvov” von Martin Marshal, in dem der Überlebenskampf einer Gruppe jüdischer Flüchtlinge geschildert wird, die sich 1943 im deutsch-besetzten westukrainischen Lvov (ehemals Österreich-Lemberg und Polnisch-Lwów) monatelang vor den Nazis verstecken konnten.
Neben dem polnischen Protagonisten Robert Wieckiewicz (Leopold Socha) und der Schauspielerin Agnieszka Grochowska (Klara Keller) überzeugen die deutschen Darsteller Benno Fürmann (JERICHOW, TOM SAWYER) als Mundek Margulies, Herbert Knaup (u.a. HOTEL DESIRE) sowie Maria Schrader (LIEBESLEBEN). Knaup und Schrader spielen das wohlhabende Ehepaar Jerzy and Peppa Chiger und verkörpern somit die Eltern des Mädchens Krystyna Chiger (Milla Bańkowicz), das als letzte Zeugin dieser Geschichte überlebt hat. Ihr fast gleichaltriger Bruder Pawel Chiger (Oliwer Stańczak) kam zu Tode. Krystyna ging nach dem Krieg in die USA, wurde Zahnärztin und wohnt jetzt in New York.

Der polnischen Kanalarbeiter und Gelegenheitsdieb Leopold Socha entdeckt eines Tages eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge, die aus dem Ghetto entkommen sind.
Schnell wittert er das Geschäft seines Lebens. Obwohl der Familienvater bald in Verdacht gerät, Menschen gegen Zahlung eines Kopfgeldes im Abwassersystem der Stadt Unterschlupf zu gewähren, verrät er die Männer, Frauen und Kinder, die unter unsäglichen Bedingungen in der Dunkelheit ausharrten, nicht.
Als beherzte Katholik, der keineswegs frei von Vorurteilen ist, versteckte Socha die Ghettobewohner insgesamt 14 Monate lang im Labyrinth der Kanalisation von Lvov und bewahrte sie damit vor der Deportation und dem sicheren Tod in einem Vernichtungslager…
IN DARKNESS erhebt gern den Anspruch auf die Klasse von Spielberg’s SCHINDLERS LISTE – kann dem aber in punkto Intensität nur am Anfang des Films gerecht werden.
Das endlos erscheinende Warten auf das Licht am Ende des Tunnels ist zweifellos menschlich und historisch erschütternd, als Gesamt-Film jedoch höchstens als gut gemeinter Versuch zu werten. Unterstrichen wird das zudem durch die oft übertriebende Theatralik der Darsteller, die gar nicht nötig gewesen wäre, denn die meisterliche, visuelle Sprache von Agnieszka Holland’s Kamerafrau Jolanta Dylewska (TULPAN, 2008) legt fast von allein und absolut authentisch die titelgebende Dunkelheit wie einen erdrückenden Schleier auf die unter die Haut gehenden Bilder… (etwa die Szene: Wenn im düsteren Morgengrauen eine Gruppe nackter Frauen durch einen Wald zur Hinrichtung gehetzt wird)
Fazit: Insbesondere für Jugendliche, die sich mit dem Thema Holocaust noch nicht intensiv auseinandergesetzt haben, ist der Film durchaus empfehlenswert! Das wird mit der derzeit populären Art der Kameraführung (viele Handcam-Szenen) sogar regelrecht unterstrichen. Für ältere, belesene Generationen gab es -wie gesagt- auch schon bessere filmische Aufarbeitungen des Holocaust (z.B. DER PIANIST, oder selbst Agnieszka Holland’s HITLERJUNGE SALOMON)
In einer Halle am Stadtrand von Leipzig wurde aus Holz die Kanalisation nachgebaut – samt Gullideckeln, einströmendem Wasser und Dunkelheit. “Es war ein schwieriger Dreh: Der Großteil des Films spielt in der Kanalisation. Die Schauspieler standen stundenlang im Wasser”, berichtet Mitproduzent Marc-Daniel Dichant vom “Schmidtz Katze Filmkollektiv”.
“Wir steigerten aber noch das Szenario mit dem Dreh in einer richtigen Kanalisation, an Originalschauplätzen”, berichtet Schauspieler Herbert Knaup. “In Wirklichkeit wird es dort natürlich wesentlich schlimmer gewesen sein – aber mir hat’ s gereicht. Allein der Gestank, die Ratten, die Vorstellung über die ganzen Krankheiten, Ekzeme, Ausschläge…Man kann sich nicht tatsächlich ausmalen, wie die Menschen das überlebt haben.
In der Realität hatten sich dort 20 Menschen versteckt. 12 von ihnen haben es irgendwann nicht mehr ausgehalten und sind ans Tageslicht zurückgekehrt. Von ihnen hat keiner den Krieg überlebt…”
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Ich drücke Agnieszka beide Daumen und hoffe, dass die Amis endlich die geniale Regisseurin wahrnehmen und schätzen. Liebe Grüße!
Leipzig: die Filmstadt? ;) Scheint aber ein interessanter Film zu werden!
PS.: toller blog