JERICHOW

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Ein Film von Christian Petzold (u.a. DIE INNERE SICHERHEIT)

JERICHOW

Der Filmemacher zählt zu meinen Filmschaffenden, denn Petzolds Arbeit wohnt immer ein ganz besonderer Zauber inne. Ob in WOLFSBURG, YELLA oder hier in JERICHOW – der Zuschauer hat viel weniger das Gefühl einem Film zu sehen, als vielmehr und in diesem Moment, mit der Kamera ganz „normale“ Menschen ein Stück auf dem Lebensweg zu begleiten.

Oder mit anderen Worten: Christian Petzold findet das Drama im Alltäglichen und schafft es dadurch, Intensität und Glaubwürdigkeit zu transportieren!

JERICHO(W)

Geld oder Liebe oder: „Gibt“ es die Liebe ohne Geld? Das biblische Jericho in Palästina war für die nach dem nahe gelegenen Jerusalem strebenden Pilger ein Ort der Verheißung.

Der Ort Jerichow, im Jerichower Land hingegen, ist zwar bekannt für die angrenzende, wunderschöne Natur, aber er ist auch weitaus weniger verheißungsvoll für jene, die dort leben wollen und arbeiten müssen. Und in dieser von sozialer Tristesse geprägten und von Arbeitslosigkeit gebeutelten Region Sachsen-Anhalts spielt die unheilvolle Dreiecksgeschichte zwischen Ali, Laura und Thomas.

Regisseur Christian Petzold angesprochen auf seine deutliche Kapitalismus-Kritik in JERICHOW: „Das geht natürlich in meine Filme ein. Das Kino untersucht Gemeinwesen. Etwas, das im Untergrund schwelt, das baldige Platzen der Blase, das spürt das Kino auf. Nach YELLA ging zum Beispiel die Hedge-Fonds-Diskussion los, als Müntefering von Heuschrecken sprach. Was bedeutet das, wenn 25 Prozent Rendite erwartet werden? Das ist totale Ausbeutung.“

JERICHOW, der Soundtrack

Der Soundtrack zum Film kommt u.a. von der türkischen Sängerin Nilüfer, die mit ihrem Song „Karar Verdim“ das musikalische Schmankel im Film lieferte.

JERICHOW, Filmkritik

Als Leitfaden des Films verwendet Christian Petzold das Thema Geld. „Man kann nicht lieben, wenn man kein Geld hat“, sagt Laura irgendwann zu Thomas. Nur ein plakativ erscheinender Satz? Oder doch die Wahrheit? Und mehr viel mehr als Wald, den Ostseestrand, ein paar Imbissbuden und die drei Protagonisten bekommt der Zuschauer nicht gezeigt…

Aber dennoch: Selten habe ich eine so pulstreibende Dramatik erlebt und eine mit so vielen und kraftvollen Wendungen durchdachte Regiearbeit gesehen!

Wie gesagt, Christian Petzold konzentriert sich ausschließlich auf das Wesentliche. Selbst der spartanisch eingesetzte Soundtrack ist nur eine kleine und unterstreichende Option in einem Film gegen die Gefühlskälte unserer Zeit.

Auch sein fast legendäres Stilmittel, die Kameraarbeit während der Autofahrtsequenzen, ist im Film JERICHOW erneut in beeindruckender Qualität sowie dramaturgisch zielsicher wiederzufinden.

Auch bekommen die Darsteller stets den optimalen Raum zur Entfaltung ihres Spiels und – Christian Petzold stützt sich erneut auf bekannte Filmgesichter aus früheren Produktionen. Es sind André Hennicke (DER UNTERGANG, SOPHIE SCHOLL), Benno Fürmann (ANATOMIE, NORDWAND) und Nina Hoss (YELLA, DIE WEISSE MASSAI), mit denen er schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet hat.

Hingegen ganz neu an Petzolds Set und dann gleich eine echte Überraschung ist Hilmi Sözers (DER SCHUH DES MANITU, VOLL NORMAAAL).

Fazit: JERICHOW ist ein Kammerspiel der Leidenschaft, garniert mit einem eher beklemmenden Picknick am Ostseestrand.

Gefolgt von einer Scharade am dunklen Waldesrand, endet es schließlich in einem spannungsgeladenem Showdown an der Steilküste, am Meer. Kurze, knappe aber treffende Sätze in den Dialogen, ausdrucksstarke Sequenzen und eine überragende schauspielerische Leistung der Protagonisten…

JERICHOW, Filminhalt

Foto: Pffil Medien

Ali (Hilmi Sözer, u.a. DIE SUPERBULLEN), gebürtiger Türke und stets misstrauischer Ehe-und cleverer Geschäftsmann, ist Besitzer von zahlreichen Imbissbuden…

Im Laufe der Zeit hat er es damit zu etwas Wohlstand gebracht. Seine Frau Laura (Nina Hoss, BARBARA), eine durch Ehevertrag und Schuldscheine an ihn gebundene ehemalige Bardame, unterstützt ihn bei den täglichen Arbeiten. Beide leben zurückgezogen in einem idyllisch anmutenden Waldgrundstück.

Thomas (Benno Fürmann), dessen Mutter gerade gestorben ist, wurde während seiner Dienstzeit in Afghanistan unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen. Seitdem wohnt er wieder im Haus seiner Kindheit und versucht, zwischen all den Erinnerungen bzw. der  grenzenlos erscheinenden Perspektivlosigkeit, sich mit Minijobs (als Erntehelfer auf einem „Gurkenflieger“) über Wasser zu halten.

Als Ali bei einer seiner alkoholbeschwingten Dönnerbuden-Kontrollfahrten den Geländewagen im Fluss versenkt, begegnet er Thomas, der ihn aus dieser misslichen Situation befreit.

Aus Dankbarkeit bietet er Thomas einen gut bezahlten Job als Fahrer an. Eine Männerfreundschaft scheint geboren und Ali kann seine manische Kontroll-und Eifersucht -zumindest Thomas gegenüber- im Zaume halten.

Wäre da nicht Alis hübsche aber unglückliche Laura, mit der Thomas eine heimliche und leidenschaftliche Affäre beginnt – aus der sich eine zunehmend gefährliche Dreiecksbeziehung entwickelt, die unweigerlich auf eine Katastrophe zusteuert.


Studio / Verleih / Bild-und Textnachweis: Pffil Medien

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