WIR SIND WAS WIR SIND

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Fressen oder gefressen werden? Horror oder Drama? Die Genre-Einordung des Films fällt schwer!

WIR SIND WAS WIR SIND

Nach den ersten Szenen wird jedoch klar: Es handelt sich bei dem im Kannibalen-Milieu spielenden Schocker WIR SIND WAS WIR SIND (Originaltitel: Somos lo que hay), des mexikanischen Regisseur`s Jorge Michel Grau, um keinen traditionellen Horrorfilm…

Das Regiedebüt ist zudem ein sehr intim anmutender Film, bei dem die Kamera den Dreck des Millionen-Molochs Mexico City, die Hoffnungslosigkeit der Menschen – kurzum den Wahnsinn, den die unterste Bevölkerungsschicht dort leben muss, ungeschminkt dem Zuschauer aufs Auge drückt.

WIR SIND WAS WIR SIND like ROTHENBURG?

Somit beinhaltet das in erster Linie Drama WIR SIND WAS WIR SIND auch ein gehöriges Quantum an Konsum- und Sozialkritik und meiner Meinung nach ist deshalb nicht die fiktionale Geschichte, dass Menschen andere Menschen essen, das Schockierende an diesem Film.

Es ist vielmehr der Horror, der im offensichtlich Verborgenen wirkt und wie dabei Fiktion und Realität förmlich miteinander verschmelzen bzw. es sehr verdeutlicht wird, wie wenig das Leben des Einzelnen in der gegenwärtigen, mexikanischen Gesellschaft zählt. Dabei tritt Jorge Michel Grau jedoch nicht in die Fußstapfen eines Michael Moore, der in seinen Dokumentationen gern den Finger auf den Nerv der vergleichsweise gut versorgten Mittelklasseschicht der Gesellschaft legt.

Auch die Thematisierung des „krankhaften Kannibalismus“ -a la ROTHENBURG– liegt dem Regisseur fern. Grau konzentriert bzw. reduziert  in seinem Film WIR SIND WAS WIR SIND vielmehr die fundamentalen Bedürfnisse des Menschen – im Speziellen auf die Nahrungsbeschaffung jener, die wirklich am untersten Ende der sozialen Hackordnung stehen.

WIR SIND WAS WIR SIND, Filmkritik

Der Film zeigt den Alltag einer disfunktionalen Familien, ihren täglichen Überlebenskampf und berichtet von einer perfiden Lebensweise, die sich kaum noch von alten Volksstämmen unterscheidet. Aber in WIR SIND WAS WIR SIND wird wie gesagt nicht gewertet oder gar pauschal verurteilt. Der Regisseur geht vielmehr intensiv der Frage nach, was Normalität ist/wäre und ob diese unter diesen Lebensbedingungen überhaupt existieren kann/könnte…

Bei allem künstlerischen und gesellschaftlichen Anspruch wird in Sachen „Blutwurst“ in der genreerfrischenden Produktion aus Mexiko trotzdem kein Kompromis gemacht. Schließlich muss so ein Mensch wirklich und im wahrsten Sinne des Wortes auch geschlachtet werden…

Das wiederum beinhaltet kaum etwas was in FLEISCH oder HOSTEL nicht schon blutig auf die Leinwand gespritzt ist. Auf billige Schocks verzichtet WIR SIND WAS WIR SIND dennoch. Das Wühlen in Eingeweiden wird jedenfalls nicht gezeigt!

Jorge Michel Grau setzt vielmehr auf die Vorstellungskraft des Publikums. Er blendet ab, lässt Grauenhaftes „nur“ bzw. höchstens in Form von Knochenknackgeräuschen vernehmen. Demzufolge spielen sich zwar akustisch wahrhaftige Horrorszenarien ab, aber zumindest ohne, dass sich beim Zuschauer und analog zum Beispiel zu Lars von Triers ANTICHRIST Brechreiz bildet.

Fazit: Die Thematik, dass sich Menschen von Menschenfleisch ernähren, lockt sicher den einen oder anderen interessierten Synopsis-Leser ins Kino. Aber: Das ist nicht die Hauptaussage des Films!

Es geht in WIR SIND WAS WIR SIND vor allem um den Albtraum an einem Ort leben zu müssen, der so dreckig, verkommen und trostlos ist, dass sich jeder nur noch selbst der Nächste sein kann und an dem die unschuldigen Schafe der Gesellschaft schließlich Jagd auf die eigenen Lämmer machen…

WIR SIND WAS WIR SIND, Filminhalt

Ein offensichtlich sozial abgestiegener, alter Mann bricht, von den Passanten teilnahmslos beobachtet, in einem Einkaufszentrum zusammen und stirbt. Das „Leben“ in der Ladenpassage geht ungerührt weiter: Der leblose Körper wird schnell abtransportiert, die dunkelrote Blutlache hastig weggewischt.

Für die Hinterbliebenen verändert sich das Leben jedoch schlagartig.

Nach dem plötzlichen Tod des Vaters von Alfredo (Francisco Barreiro, u.a. PERPETUUM MOBILE), Julián (Alan Chávez) und Sabina (Paulina Gaitán) muss sich Patricia (Carmen Beato) fortan alleine um die Teenager-Kinder, um den Familienunterhalt kümmern.

Dass sie Kannibalen sind und ohne menschliches „Zubrot“, das bisher ausschließlich der Vater besorgt hat, nicht leben können, macht die Sache nicht gerade einfacher. Schlimmer noch, keiner der älteren Brüder fühlt sich im Stande, den Platz des Vaters einzunehmen.

Doch einer muss die Verantwortung tragen, sonst droht der Familie der sichere Hungertod. Die mit Macht herausbrechenden Aggressionen und Rivalitäten enthüllen bald eine nicht nur völlig aus der Balance geratene Familienstruktur, sondern auch die Verzweiflung gesellschaftlicher Außenseiter, die nun mal sind, was sie sind…

Nachdem Alfredo und Julián mit der Verzweiflungstat ein Straßenkind zu kidnappen scheitern, versuchen sie schließlich eine Prostituierte ins Auto zu zerren. Doch mit dieser Art von Frischfleisch ist die Mutter nicht einverstanden.

Da kommt Alfredo die Idee, es in einem Schwulenclub zu versuchen! Die Polizei, welche die Leiche des Vaters inzwischen obduziert hat, ist unterdessen stutzig geworden: Sie findet im Magen des Toten einen Frauenfinger. Die Jagd nach weiteren Menschenfressern beginnt…


Studio / Verleih / Bild-und Textnachweis: Alamode Filmverleih

WIR SIND WAS WIR SIND, 7.3 out of 10 based on 3 ratings

1 Kommentar zu WIR SIND WAS WIR SIND

  1. Kein Splatter, wenig Gore – und leider auch wenig Spannung. Stattdessen konzentriert sich Grau auf familiäre Konflikte und symbolisiert ein Mexiko, das am Rande eines gesellschaftlichen Kollaps zu sein scheint.

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