HALT AUF FREIER STRECKE

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Kaum ein anderer Regisseur filmt so hart an der Wirklichkeit!

HALT AUF FREIER STRECKE

Nach Lars von Trier’s politisch-moralischer Entgleisung im Zusammenhang mit der Premiere seines Films MELANCHOLIA, dem riesen Wirbel um die im Grunde kleine Brise, die der FLUCH DER KARIBIK hinterließ und dem trotzigen Statement des 75jährigen Woody Allen (MIDNIGHT IN PARIS), der behauptet, sich niemals in die Wahl seiner Schauspieler hat rein quatschen lassen – kommen wir jetzt zu einem Regisseur, der es meiner Meinung nach schon längst verdient hätte, nicht nur wiederholt in der Kategorie „Un Certain Regard“ in Cannes präsent zu sein. Die Rede ist von dem 47jährigen Filmkunstschaffenden Andreas Dresen.

Erst kamen die Tränen, dann die Trophäe

Ja, Cannes und der deutsche Filme – ein stets diffiziles Thema.

Auch 2011 schaffte es kein Beitrag unter die 20 Wettbewerbsfilme. Darüber sollte insbesondere ein Andreas Dresen jedoch in keinster Weise traurig sein, denn viel wichtiger, das Drama HALT AUF FREIER STRECKE (Originaltitel: Stopped On Track) rührte das Festival-Publikum sogar zu Tränen. Folgerichtig konnte sich dann wohl auch die Jury, unter Vorsitz des Hollywood-Stars Robert De Niro, dem ergreifend in Szene gesetzten Krebsdramanicht verschließen und vergab den Hauptpreis in der renommierten Nebenreihe an den ostdeutschen Regisseur.

Kein HALT AUF FREIER STRECKE

Schwer verdauliche Filmkost, überhaupt nicht leicht gemacht: HALT AUF FREIER STRECKE ist eine erfundene wie gleichermaßen wahre Geschichte, die in ihrer Unbegreiflichkeit surreal wie authentisch förmlich auf den Zuschauer einschlägt und sich dabei wie alle „Problemfilme“ (BIUTIFUL) am äußersten Rand des Unterhaltungskinos bewegt.

Ein Film mit der umwerfenden Macht des Kinos, aber vorallem ein Werk über das Wunder des Lebens, welches nie als selbstverständlich angesehen werden kann. Das war im Grunde bei dem Drama WOLKE 9 (2008) ähnlich. Schon hier schaffte Andreas Dresen den Spagat, trotz Kino-Fiktion, die hintergründige und ungeschminkte Wahrheit völlig unspektakulär, dabei jedoch filmisch-genial-unterhaltend, auf die Leinwand zu bringen. Mit anderen Worten: Ebenfalls ein kleines Wunder und bei weitem keine Selbstverständlichkeit unter den Filmschaffenden.

Wer mag, kann deshalb das Sterbedrama HALT AUF FREIER STRECKE erneut als eine Art tröstliche Kino-Therapie begreifen. Diesmal spielt aber das Älterwerden eine eher sekundäre Rolle, denn speziell Krebserkrankungen kennen keine „Alters-Vorgaben“ und jeder von uns kann dem Tod auf diese Weise und zu jedem Zeitpunkt begegnen…

HALT AUF FREIER STRECKE, Filmkritik

So schonungslos und präzise wie Regisseur Andreas Dresen (HERR WICHMANN AUS DER DRITTEN REIHE) mit seinem Film HALT AUF FREIER STRECKE, der sich weitab vom äquivalenten Hollywood-Gedöns bewegt, ist wohl selten ein Filmschaffender mit der Sterbethematik umgegangen.

Trotz der wenigen Momente des Trostes für den Zuschauer, in denen der familiäre Zusammenhalt geschildert wird und der stellenweise sogar eine Art Galgenhumor beinhaltet, zeigt Dresen das Sterben bis ins letzte Detail – eine Unterhaltungs-Gradwanderung, eine emotionale Reise, ein Schock-Kino im positiven, humanistischen Sinne, wie es nur dieses Ausnahmetalent auf die Leinwand zu bringen vermag.

Fazit: HALT AUF FREIER STRECKE ist ein zutiefst ehrlicher und radikaler Film…und wäre sicher ein würdiger Festivalkandidat gewesen – aber anscheinend auch erneut viel zu hart für das auf Oberflächlichkeit und Glamour getrimmte Filmfestival in Cannes.

HALT AUF FREIER STRECKE, Filminhalt

Frank (Milan Peschel, u.a. JUD SÜSS – FILM OHNE GEWISSEN, BOXHAGENER PLATZ) hat Krebs: Ein nicht operierbarer Gehirntumor, sagt sein Arzt.

Im Übrigen ein „echter“ Neurochirurg, der improvisierend an diesem Film mitwirkt und auch im wahren Leben versucht, Menschenleben zu retten. Selbst die Frau, die den sterbenden Frank begleitet, ist wirklich Palliativ-Medizinerin. Petra Anwar betreut in Berlin Menschen, die im Sterben liegen…

Andreas Dresen zum Film: „Die Situationen im Film beruhen fast komplett auf Erfahrungen, von denen uns Menschen erzählt hatten. Vielleicht geht der Film vielen auch deshalb so an die Nieren, weil sie vieles von dem, was sie da sehen, entweder selbst erlebt haben oder davon gehört haben, dass es so abläuft.“ (aus einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt)

Nur noch ein paar Monate bleiben Frank – der Tumor raubt ihm erst das Gedächtnis, dann die Orientierung, dann die Kontrolle über die Körperfunktionen und schließlich das Sprachvermögen. In diesem Übergang zwischen Leben und Tod, in der in jeder Hinsicht und für alle quälenden Zeitspanne, bleibt die Kamera, der Kinozuschauer bei ihm, werden seine Frau Simone (Steffi Kühnert, DAS WEISSE BAND) und die beiden Kinder Lilli (Talisa Lemke) und Mika (Nilson Seidel) beim täglichen Kampf um den Sinn des Lebens gezeigt.

Aber es ist furchtbar und schier unerträglich, sich mit dem Tod arrangieren „zu wollen“: Wie sagt man es beispielsweise den Kindern? Wie lässt sich die Pflege während des Sterbens und möglichst zu Hause regeln? Es sind fast unmöglich zu beantwortende Fragen, aber so vieles muss jetzt geregelt werden – duldet kaum Aufschub.

Und wie verabschiedet man sich von Frank?

Welche Musik soll auf der eigenen Beerdigung spielen? Wie hält seine Familie, Simone, die in den letzten Tagen kaum mehr ihren verwirrten Mann erkennt, das alles aus? Sie muss stark sein und möchte manchmal einfach nur – dass es endlich zu Ende ist…


Studio / Verleih / Bild-und Textnachweis: Rommel Film, Pandora Filnverleih

HALT AUF FREIER STRECKE , 8.7 out of 10 based on 19 ratings

3 Kommentare zu HALT AUF FREIER STRECKE

  1. Halt auf freier Strecke ist genauo so gedreht worden wie wir es als Familie erlebt haben. Ich finde uns in diesem Film wieder…

  2. Gestern hab ich mir den Film HALT AUF FREIER STRECKE im Kommunalen Kino angesehen. Die 60 Plaetze waren unter anderem mit einer ganzen 9. Schuklasse besetzt! Mit meinen 64 Jahren habe ich allen Grund, mich mit dem Thema Sterben zu befassen, und
    ich habe nach einer schlaflosen Nacht (ohne im Kino zu weinen) mit dem Tod meinen Frieden gemacht. Dafür danke ich dem gesamten Filmteam (wie immer ideal besetzt) und wünsche mir noch einige Dresen-Filme bis ich selbst den Halt auf freier Strecke erlebe.

  3. Hallo,
    ich werde den Film heute abend anschauen, und nach sechs Jahren noch einmal an meinen Mann denken. Er war 15 Jahre krank( zunächst Astrozytom II dann GradIV- ), hatte 7 Ops, drei Bestrahlungen, Chemo , versuchsweise eine Nano-Therapie in Berlin. Das letzte Jahr war die Hölle für alle Beteiligten. Mittlerweile bin ich froh und dankbar für 12 Jahre „erträglichen“Hirntumor mit einer wunderschönen Familienzeit mit drei Kindern. Wir sind stolz, dass er bis zum Schluss bei uns in der Familie sein konnte….

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